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Hochwasser sind Naturereignisse, Hochwasserschäden nicht!
Erst das Zusammentreffen von Hochwasser und dem - vom Menschen geschaffenen -
Schadenspotenzial hat oft katastrophale Folgewirkungen. Eine vollständige
Abwehr der Gefahr, in die sich der Mensch durch zunehmende Besiedelung alpiner
Täler begeben hat, wäre nur durch den Rückzug aus den
gefährdeten Regionen möglich. Bevölkerungs- und
Wirtschaftsentwicklung lassen diesen Weg nicht zu. Durch vorsorglich getroffene
Maßnahmen flächenwirtschaftlicher und raumplanerischer Art, sowie
die Errichtung von Schutzbauwerken, ist es möglich, das
Schadensausmaß bei extremen Ereignissen wesentlich zu verringern. Zur
Planung und Umsetzung dieser Schutzmaßnahmen bedarf es aber der Kenntnis
von Größe und Auftrittshäufigkeit von schadbringenden
Ereignissen. Die Abteilung für Wildbachhydrologie nimmt sich dieser
Aufgabenstellung an. Durch die Einrichtung von TOrrent Research Areas (TORA),
die mit einer hohen Zahl an Messgeräten und -einrichtungen versehen sind,
wird das zur Lösung der Aufgaben erforderliche Datenmaterial
aufgezeichnet. Durch weitere Erhebungen im Gelände wird die Kenntnis
über die Abläufe im Naturraum zusätzlich verdichtet. Die
Ergebnisse der darauf aufbauenden Analysen finden direkten Eingang in die
Planung von Schutzmaßnahmen durch den Forsttechnischen Dienst der
Wildbach- und Lawinenverbauung (WLV). Jährliche Ausgaben von mehr als 100
Mill. EURO aus öffentlichen Hand, für den Schutz von Menschenleben,
deren Hab und Gut, Industrie, Gewerbe und Verkehr, vor Wildbachgefahren,
unterstreichen die Bedeutung dieses Forschungsbereiches.
Ein Hauptziel der Abteilung
Wildbachhydrologie stellt die Verbesserung des Wissensstandes bezüglich
des Niederschlag- Abflussgeschehens in Einzugsgebieten von Wildbächen dar.
Zu diesem Zweck wurden und werden mehrere "Torrent Research Areas"
betrieben, in denen langjährig Niederschlags- und Abflussmessungen hoher
Auflösung und, je nach Art der Gefährdung auch zusätzliche
Parameter wie z.B. Hangwasserspiegel, Schneehöhen, Lufttemperatur etc.
erhoben werden. Diese Daten sollen einerseits als direkte Hilfestellung bei
Sicherungsmaßnahmen des Forsttechnischen Dienstes der Wildbach- und
Lawinenverbauung vor Ort dienen (Bemessungsereignis), andererseits sollen sie
Grundlage für weitere Forschungsvorhaben bilden (z.B. Test von
Simulationsmodellen anhand der Messdaten).
 Abb: Lage der
vom BFW (ehem. FBVA) betreuten Torrent Research Areas
Der Mangel an gesicherten Daten von
Extremereignissen in kleinen Einzugsgebieten stellt nach wie vor eine der
größten Hürden bei der Projektierung von Schutzmaßnahmen
gegen Wildbachgefahren dar. Die messtechnische Erfassung und Analyse von
Hochwasserereignissen trägt dazu bei, den Hochwasserschutz zu verbessern,
die Auswirkungen extremer Ereignisse zu verringern und Ausgaben für
Schutzprojekte zu senken. Die besonderen Gegebenheiten in Wildbächen, wie
das schnelle Anschwellen auf ein Vielfaches vorhergehender Durchflüsse,
und damit einhergehend eine oft hohe Beimengung an Feststoffen, erfordern die
ständige Weiterentwicklung von Messstellen, die oft enormen Belastungen
ausgesetzt sind. Da für die Erforschung der Ursachen von Extremereignissen
die Messung des Abflusses allein nicht ausreicht, werden zusätzlich
kontinuierliche Messungen von Niederschlag, Luftfeuchte und Temperatur
durchgeführt. Einzeluntersuchungen (z.B. Schneemessungen,
Starkregensimulationen) ergänzen das Messprogramm. Scheint der Aufwand zur
Erfassung der grundlegenden Daten zur Erforschung von Hochwasserereignissen
hoch, so besteht tatsächlich, allein Angesichts eines jährlichen
Gesamtbauvolumens der Wildbach- und Lawinenverbauung von über 100
Millionen Euro, noch immer erheblicher Forschungsbedarf.
Abbildung: Aufzeichnung eines
100-jährlichen Hochwasserereignisses des Oselitzenbaches/ Ktn.
(13.-14.10.1993)
Das Wissen um die - im Ereignisfall zu
erwartenden - Niederschläge ist für die Planung von
Schutzmaßnahmen in Wildbacheinzugsgebieten von großer Bedeutung.
Die maximalen Niederschlagsmengen und -intensitäten während kurzer,
heftiger und kleinflächiger Gewitter müssen bestimmt werden, da sie
zum raschen Anschwellen der Wildbäche, Sohl- und Uferangriffen,
Materialverfrachtungen und -ablagerungen, bis hin zur Entstehung von Muren
führen können. Auch lang andauernde, ausgiebige Regenfälle, die
zur Wassersättigung des Bodens führen, bergen diese Gefahren in sich
und sind speziell in Kombination mit der Schneeschmelze häufig
Auslöser von Katastrophenfällen (Großhangrutschungen,
Bachverklausungen, etc.). Die besonderen Gegebenheiten in
Wildbacheinzugsgebieten, wie große Höhendifferenzen im Gebiet, die
Steilheit des Geländes und die oft extremen Witterungsbedingungen,
erfordern einen hohen Aufwand für die Errichtung und den Betrieb von
Messstationen. Hoher Windeinfluss und große Unterschiede der Temperatur
zwischen Berg und Tal beeinträchtigen die Messungen und erschweren die
Interpretation der Ergebnisse. Insbesondere im Winterhalbjahr ist es schwierig
die tatsächlichen Gegebenheiten richtig zu erfassen. Niederschlag in Form
von Schnee, kann leicht noch vor der Erfassung aus den Messgeräten
verblasen werden. Heizsysteme, die den Schnee schmelzen sollen, dürfen
wiederum keine die Messung der Niederschlagsmenge verfälschende
Verdunstung hervorrufen. Das Institut für Lawinen- und Wildbachforschung
verfügt durch den Betrieb seiner Torrent Research Areas über
langjährige Erfahrung mit meteorologischen Messnetzen in exponierten Lagen
des alpinen Raumes. Für diese Gebiete und die diese umgebenden Regionen
können, aufgrund langjähriger hochauflösender Messreihen,
Angaben zu Starkregenhöhen vorgegebener Eintrittswahrscheinlichkeit oder
Dauer-Häufigkeits-Beziehungen von Niederschlägen gemacht
werden.
Abbildung: Niederschlagsmengen/
Jährlichkeits-Diagramm für die Messstelle Sonnalm im Einzugsgebiet
des Schmittenbaches (Zell am See/ Salzburg)
Im Alpenland Österreich ist der Schnee ein
maßgebender Faktor des Geschehens im Naturraum. Die Speicherung des
Niederschlages in der Schneedecke spielt in der Wasserbilanz eine bedeutsame
Rolle. Im Schutzwasserbau stellt die Schätzung der Schmelzwassermengen
eine maßgebliche Komponente bei der Projektierung von
Hochwasserabwehrmaßnahmen dar. Die aus der Schneeschmelze resultierende
Vernässung von Hängen führt zu Hangbewegungen die oft nur schwer
zu beherrschen sind. Der Mangel an gesicherten Daten stellt speziell bei der
Suche nach Lösungen für diese Fragestellungen das größtes
Hindernis dar. Auch die besten mathematischen Abstraktionen zur Abbildung der
Prozesse im Naturraum können nicht auf Daten aus sorgfältigen,
langjährigen Beobachtungen und Messungen verzichten. Um diesem Mangel
abzuhelfen, wurden in zwei Wildbacheinzugsgebieten in Kärnten Messlinien,
sowohl auf Wald- als auch auf Freiflächen, eingerichtet. Auf diesen
werden, in Abständen von ca. 100 m Seehöhe, Schneehöhen und
Wasseräquivalente kontinuierlich erhoben. Der Beobachtungszeitraum
erstreckt sich mittlerweile deutlich über 10 Jahre. Die dabei gewonnenen
Daten erlauben eine wesentliche Verbesserung der Einschätzung der
Schmelzwassermengen und sind auch zur Verifikation und
Plausibilitätskontrolle von Schneeschmelz-Abfluss-Modellen zweckdienlich.
Abbildung: Vergleich des Wasseräquivalentes (in der Schneedecke
enthaltene Wassermenge) zwischen Wald und Freilandflächen am Beispiel
Gradenbach/Berchtoldhang
Die Bundesamt und BFW
führt im Rahmen ihres wildbachkundlichen Messprogrammes umfangreiche
Untersuchungen auf einem der gefährlichsten Talzuschübe
Österreichs durch. Es handelt sich dabei um einen ca. 2 km²
großen Bereich am Ausgang des Gradentales/Ktn., der bei den
Katastrophenereignissen der Jahre 1965 und 1966 eine maßgebliche Rolle
spielte. Hohe Niederschläge im Sommer und Herbst führten zu
Hochwässern, die den Hangfuß im Bereich der rund 900 m lange
Schluchtstrecke erodierten. Durch die dadurch hervorgerufene Hangbewegung kam
es zu riesigen Materialverfrachtungen, zu wiederholten Vermurungen des Ortes
Putschall und, in einer Kettenreaktion, durch Abdrängung der Möll und
Verlegung des Zirknitzbaches, auch der Ortschaft Döllach. Um den
Teufelskreis aus Erosion des Hangfußes, daraus folgender Hangbewegung und
anschließender Materialverfrachtung zu durchbrechen, wurden sowohl im
Bachbett als auch am Hang umfangreiche Baumaßnahmen gesetzt. Da der Hang
stark vernässt ist, wurde er, unter anderem durch ein ausgefeiltes
Drainagesystem, entwässert. Die Wirkung dieser Maßnahmen sowie der
Zusammenhang zwischen Niederschlag, Abfluss und Hangbewegung werden durch das
Messprogramm des Institutes für Lawinen- und Wildbachforschung
überprüft und erforscht. Das BFW betreut zu diesem Zweck zahlreiche
Messstellen zur Erfassung der Hangwasserstände sowie
Quellschüttungen, weiters Messstellen zur Beobachtung von Niederschlag und
Abfluss. Die Praxisrelevanz und der volkswirtschaftliche Nutzen ist durch
Verwendung der Messdaten zur Planung von Schutzmaßnahmen direkt vor Ort
gegeben. Die Umsetzung des Wissens auf andere Einzugsgebiete mit ähnlichen
Problemstellungen ist durch die enge Zusammenarbeit mit der Praxis des
Forsttechnischen Dienstes der Wildbach- und Lawinenverbauung (WLV) garantiert.
Die Problematik des Feststofftransportes steht bei
Hochwasserereignissen in Wildbächen häufig im Vordergrund. Entgegen
der hohen Bedeutung sind die Möglichkeiten der kontinuierlichen Messung
des Geschiebetriebes derzeit noch sehr beschränkt.
Deshalb ist geplant, neue Techniken der
Feststofftransportmessung in Wildbächen zu entwickeln bzw. bestehende zu
verbessern. Zunächst sollen in Laborversuchen geeignete Bauformen und
Messgerät - Prototypen entwickelt werden. Die erfolgversprechenden
Entwicklungen sollen in einen zweiten Schritt mit Unterstützung der
Gebietsbauleitung Flach- und Tennengau der Wildbach- und Lawinenverbauung im
Naturversuch getestet und bezüglich ihrer Praxistauglichkeit bewertet
werden. Die Umsetzung des Projektes soll in einer Kooperation der
Universität für Bodenkultur (Institut für Wasserbau und
Wasserwirtschaft), der Universität Innsbruck (Institut für
Wasserbau), des Bundesamtes und Forschungszentrums für Wald (BFW) und des
Bundesministeriums für Land- und Forstwirtschaft, Umwelt und
Wasserwirtschaft erfolgen.
Niederschlag:
Derzeit sind im Messdienst des BFW Omrographen im Einsatz, die
den Niederschlag über einen Auffangtrichter sammeln und einer Wippe
zuführen. Durch die Bewegung der Wippe wird Uhrzeit, Menge und
Intensität des Niederschlages erfasst. Die Ausstattung von Omrographen der
ganzjährig betriebenen Basisstationen in den Torrent Research Areas mit
mehreren Heizkreisen erlaubt die Erfassung fester Niederschläge. Durch
dieses Heizsystem wird sowohl das Einfrieren des Messgerätes
hintangehalten, als auch die Bildung von Schneeakkumulationen im
Auffangtrichter verhindert. Zusätzlich werden im Sommerhalbjahr
Messstationen ohne Heizung eingesetzt, die wesentlich kostengünstiger
sind, und die Beurteilung der Niederschlagsverteilung im Einzugsgebiet
erlauben. Zur Kontrolle und Ergänzung der Messwerte aus diesen
selbstschreibenden Geräten werden Ombrometer eingesetzt, deren Messwerte
täglich zur selben Uhrzeit, von örtlichen Beobachtern festgehalten
werden. Diese Personen melden etwaige Störungen an das Institut und
führen einfache Wartungsarbeiten an Messstellen durch.
Die mit Heizung versehenen Niederschlagsmessgeräte engen
die Wahl des Standortes stark ein, da der hohe Strombedarf nur durch Anschluss
an örtliche Stromnetze, nicht aber durch Solaranlagen möglich ist
Auch die Einstellung der Heizung ist sehr schwierig - bei zu geringer
Heizleistung kommt es zum Einfrieren der Wippe, ist die Heizleistung zu hoch
kommt es zur Verdunstung des Niederschlages vor der Messung.
Abbildung: Messstelle des BFW mit Ombrometer,
Ombrographen und Thermohygrographen
Alternativ bieten sich heute Geräte an, bei denen der
Niederschlag durch eine Waage gemessen wird. Diese haben sich für den
Einsatz in extremen Lagen als geeigneter erwiesen. Die Intensität des
Niederschlages errechnet sich bei diesen Geräten aus der Veränderung
des Gewichtes pro Zeiteinheit. Der geringe Stromverbrauch der Geräte kann
durch Solarpaneele abgedeckt werden.
Abfluss:
Form und Bauausführung der
Messanlagen stellen einen entscheidenden Faktor für die erzielbare
Messgenauigkeit dar. Die langjährigen Erfahrungen des BFW bei
Abflussmessungen in Wildbächen führten zu folgenden
Erkenntnissen:
- Der Messquerschnitt sollte in
Wildbächen trapezförmig sein. Diese Ausführung ermöglicht
eine genaue Messung des Niedrigwassers bei gleichzeitig möglicher
Aufzeichnungen von Spitzenhochwässern, die zumeist ein vielfaches
darüber liegen. Das ungegliederte Querprofil ermöglicht eine
einfachere Bestimmung des Pegelschlüssels, da die
Geschwindigkeitsverteilung im Gerinne im Gegensatz zu gegliederten Querprofilen
(Niederwassergerinne,...) ausgeglichen ist.
-
Die Neigung sollte so gewählt
werden, dass auch bei Niederwasser gerade noch schießender Abfluss zu
erreichen ist, um die Unabhängigkeit des Oberwasserspiegel vom
Unterwasserspiegel zu gewährleisten.
-
Vorgelagert sollte ein Tosbecken sein, um den Einfluss des
Wellenschlages herabzusetzten.
-
Den Abschluss des Messgerinnes sollte ein Querwerk mit
vollkommenem Überfall bilden.
-
Für die Erstellung und Kalibrierung der
Pegelschlüsselkurve (die der Umrechnung der gemessenen Wasserhöhen in
Durchflussmengen dient) sollte, wenn irgend möglich, eine kontinuierliche
Messung der Fließgeschwindigkeit vorgesehen werden. Die übliche
stichprobenartige Messung der Fließgeschwindigkeit mit hydrologischen
Flügeln ist in Wildbächen oft unmöglich. Insbesondere hohe
Wasserstände, die als Hochwasserwelle meist nur von ausgesprochen kurzer
zeitlicher Dauer sind, stellten bei ihrer Erfassung ein Problem dar, da man
kaum je zum richtigen Zeitpunkt vor Ort ist.
- Die Messung der Fließgeschwindigkeit sollte
berührungslos (Radar) erfolgen, da im Hochwasserfall Geschiebe und
Wildholz Fehlmessungen verursachen, bzw. die Messgeräte unter
Umständen sogar zerstören kann.
Abbildung: Abflussmesswehr Oselitzenbach
(Kärnten)
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