Schutzmaßnahmen


Naturgefahren stellen seit der ersten Besiedelung der Alpen eine ständige Bedrohung für die
Bewohner dar. Bis ins 19. Jahrhundert bedeutete Lawinenschutz vor allem: Der Gefahr ausweichen!
Die mit den Gefahren vertraute Gebirgsbevölkerung baute ihre Gebäude an sicheren Standorten und
bei akuter Lawinengefahr blieb man zu Hause.

Durch den starken Bevölkerungsanstieg mussten Produktionsflächen und Siedlungsräume stetig
erweitert werden. Dadurch kam es erstens zu einer Ausweitung der Lawinenanrissgebiete und
zweitens gelangten immer mehr Gebäude in den Gefahrenbereich von Lawinen. Damit begann auch
die Zeit des permanenten technischen Lawinenschutzes: Um den Anbruch zu verhindern und das Anbruchgebiet einzuschränken, wurde zu Beginn des 19. Jahrhunderts begonnen, im Anrissgebiet
der Lawine Terrassen zu errichten. Zum Ab- oder Überleiten der Lawine wurden Steinmauern gebaut.

Schneenetz im Schigebiet

Permanente Schutzmaßnahmen

Heute zählt man zum permanenten (dauerhaft wirksamen) Lawinenschutz neben technischen auch forstliche und raumplanerische Maßnahmen.
a) Im technischen/baulichen Lawinenschutz unterscheidet man je nach Errichtungsort zwischen Verbauungen im Anbruchgebiet (Stützverbauung, Verwehungsverbauung), in der Lawinenbahn und im Auslauf (Ablenk- und Bremsverbauung).
Schneestützkonstruktionen werden im Lawinenanrissgebiet errichtet und sollen das Anbrechen von Lawinen verhindern und entstehende Schneebewegungen auf ein unschädliches Maß beschränken. In der praktischen Lawinenverbauung kommen starre Konstruktionen (konventionelle Schneebrücken) und flexible Konstruktionen (Schneenetze) zur Anwendung.
Stahlschneebrücken werden seit über 50 Jahren erfolgreich im Lawinenschutz verwendet und können nach klassischen baustatischen Methoden entworfen und berechnet werden. Ihre Bemessung und Erstellung erfolgt in Österreich nach den "Richtlinien für den Lawinenverbau im Anbruchgebiet" des Eidgenössischen Institutes für Schnee- und Lawinenforschung (1990).

INW arbeitet an Standards für Schneenetze
Für Schneenetze ist die Situation diffiziler: Das flexible System der Schneenetze ist statisch schwieriger zu erfassen als das der starren Schneebrücken. Eine theoretische Grundlage für eine zweidimensionale statische Berechnung der Schneenetze hat Haefeli 1954 geschafften. Diese wird auch heute noch verwendet. Klare Richtlinien für die Produktprüfung oder vollständige Dimensionierungsgrundlagen für Schneenetze gibt es aber noch nicht. Das Institut für Naturgefahren und Alpine Waldgrenzregionen (INW) arbeitet derzeit in Kooperation mit der WLV-Tirol, der Uni Innsbruck und der BOKU Wien an der Ausarbeitung eines Anforderungsprofil bzw. eines Standards für Schneenetze. Dieses Projekt ist der erste Schritt zur Erstellung österreichischer Planungs-, Überprüfungs- und Dimensionierungsrichtlinien von Schneenetzen.

Lässt sich eine Lawine im Entstehungsgebiet nicht verhindern, so werden in ihrer Sturzbahn oder in ihrem Auslaufbereich Bauwerke errichtet, welche die Lawine in eine andere Richtung lenken (Ablenkdamm), die seitliche Ausdehung der Lawine begrenzen (Leitdamm) oder die Lawine vollständig stoppen (Auffangdamm).

Bremsverbauungen, wie zum Beispiel Bremshöcker, Bremskegel oder Bremskeile, sollen die Lawinengeschwindigkeit reduzieren und so die Lawinenauslaufstrecke verkürzen oder die Wirkung eines Auffangdammes verbessern. Im Rahmen des EU-Projektes SATSIE arbeitet das INW an der Weiterentwicklung und Verbesserung der Dimensionierungsgrundlagen von Dämmen und anderen Schutzmaßnahmen in der Auslaufszone von Lawinen.

b) Zu den forstlichen Lawinenschutzmaßnahmen gehört die Erhaltung, Pflege und Wiederherstellung stufig aufgebauter und gemischter Wälder. Durch die Stämme, Äste und Nadeln des Waldes wird die Windverfrachtung verhindert und die Schneedecke stärker verfestigt und punktförmig abgestützt.
c) Raumplanerische Maßnahmen wurden im Lawinenschutz erstmals ab 1960 eingesetzt. Auf der Grundlage der Lawinenkataster wurde 1969 mit der Erarbeitung der ersten Gefahrenzonenpläne begonnen. Heute gibt es sie in nahezu allen Gemeinden in Österreich, in denen eine Gefährdung durch Wildbäche und/oder Lawinen vorhanden ist.

Temporäre Schutzmaßnahmen

Der temporäre Lawinenschutz beinhaltet kurzfristige, auf bestimmte Situationen abgestimmte Maßnahmen, welche die permanenten Lawinenschutzmaßnahmen ergänzen bzw. ersetzen. Temporäre Lawinenschutzmaßnahmen sind:
a) Warnung: Diese Aufgabe übernehmen in Österreich vor allem die Lawinenwarndienste der Bundesländer. Aufgrund umfangreicher Informationen (etwa Lawinenbeobachtung, automatische Wetterstationen, Wetterprognosen, Untersuchungen im Gelände) wird ein täglicher Lawinenlagebericht publiziert. Darin befinden sich Informationen über die Gefahrenstufen, Wettertendenz, Aufbau der Schneedecke und Verhältnisse im gesicherten Gelände sowie im „freien Schiraum“.
b) Sperre: Wenn Lawinengefahr für öffentlich angebotene Verkehrsflächen wie Straßen, Gemeindewege, Pisten oder Loipen auftritt, müssen diese gesperrt werden. Verantwortlich dafür ist der Bürgermeister, dem eine Lawinenkommission vor Ort beratend zur Seite steht.
c) Evakuierung: Auch die Evakuierung einzelner Häuser, Weiler oder Ortsteile liegt in der Verantwortung des Bürgermeisters und erfolgt auf Grundlage der Gefahrenzonenpläne.
d) Künstliche Lawinenauslösung: Instabilitäten in der Schneedecke werden dazu genützt, den Lawinenabgang zum gewünschten Zeitpunkt zu erzeugen. Dadurch kann die Dauer der Gefahrenzeit und damit von einschneidenden Sperrmaßnahmen verkürzt werden. Es besteht die Möglichkeit, die Schneedecke an Lawinenhängen „portionsweise“ abzubauen. Heute gibt es eine Vielzahl verschiedener Methoden der künstlichen Lawinenauslösung: Handsprengung, Sprengschlitten, Sprengung aus Hubschraubern, Lawinensprengbahnen, Absprengen mit Gaskanonen usw.).

Institutseigenes Lawinenradar
In Österreich haben sich die Lawinensprengbahnen als praktikabelste und wirkungsvollste Methode durchgesetzt. Die Sprengung ist zu jeder Zeit, auch bei schlechten Sichtverhältnissen (Nebel, Schneefall oder Dunkelheit), möglich. Der wesentliche Nachteil dieser Methode war die mangelnde Verifizierung des Sprengerfolges, was besonders bei der Sicherung von Verkehrswegen sehr wichtig ist. Dieses Problem kann mittlerweile mit Hilfe eines Lawinenradars gelöst werden. Das nach dem Doppler-Prinzip arbeitende Lawinenradar des BFW ist ein europaweit einzigartiges Gerät, deshalb werden auch im Ausland, zum Beispiel der Schweiz und Norwegen, Messungen durchgeführt. Es kann die Geschwindigkeit einer Lawine auch bei schlechten Witterungs- und Sichtverhältnissen messen. Weiters erhält man Aufschlüsse über die Auslauflänge und die Masse der Lawine. Das Radar dient auch als Überwachungs- und Warneinrichtung. Im Falle eines Lawinenabganges erfolgt eine automatische Aufzeichnung der Messdaten mit eventueller Alarmauslösung. Am INW werden die Ergebnisse der Lawinenradarmessungen vor allem dazu verwendet, Modelle zur Simulation von Lawinenabgängen zu verifizieren und zu verbessern.

Bundesforschungs- und Ausbildungszentrum für Wald, Naturgefahren und Landschaft (BFW)
Austria, 1131 Wien, Seckendorff-Gudent-Weg 8 | Tel.: +43 1 878 38-0

Autor: Rainer E.

Quelle/URL: https://bfw.ac.at/rz/bfwcms.web?dok=5752