Risikomanagementstrategien zum Schutz von Verkehrswegen im Alpenraum


Der alpine Raum verfügt über eine hoch entwickelte Transportinfrastruktur. Ist ein Verkehrsweg mal unterbrochen, gibt es oft kaum Alternativen, und großräumige Umfahrungen werden notwendig. Das BFW erarbeitet für das Stanzertal in Tirol eine Risikomanagementstrategie, unter anderem für die Arlberg-Schnellstraße.

Durch die zunehmende Verkehrsfrequenz steigt auch der Schaden in Folge eines Naturgefahrenereignisses: Neben den direkten Schäden (wie Todesfall oder finanzieller Schaden) entstehen indirekte Kosten, sowohl für die betroffene Bevölkerung vor Ort als auch für den Industrie- und Transportsektor (z.B. Imageschaden für Tourismusgebiet oder Produktionsausfall).

Projekt PARAmount
Unter dem Vorsitz des Bundesministeriums für Land- und Forstwirtschaft, Umwelt- und Wasserwirtschaft wird von 2009 - 2012 das Projekt PARAmount durchgeführt. PARAmount steht für "imProved Accessibility: Reliability and security of Alpine transport and infrastructure related to mountainous hazards in a changing climate" und ist Teil der Europäischen Territorialen Zusammenarbeit im Rahmen des Alpine Space-Programmes, kofinanziert von dem Europäischen Fonds für regionale Entwicklung (EFRE). Neben dem BFW sind 12 weitere Institutionen und 24 Beobachter aus fünf verschiedenen europäischen Ländern an dem Projekt beteiligt.
Dabei werden
  • der Status quo und die Verbesserungspotenziale der existierenden Methoden und Anwendungen im Bereich des Risikomanagements untersucht,
  • das Gefahren- und Schadenpotenzial für ausgewählte Regionen ermittelt,
  • Simulationsmodelle, die im Projekt entwickeltet wurden, angewendet und
  • Systeme, eingesetzt, welche die Entscheidungsfindung in kritischen Situationen erleichtern sollen (Beispiel: Straßensperrung im Winter wegen Lawinengefahr).
Die langfristige praktische Umsetzung der Projektziele soll durch die Bildung von regionalen Dialoggruppen mit Verantwortlichen aus den Gemeinden und Naturgefahrenexperten in den Testgebieten sichergestellt werden.
Projekt-Website: www.paramount-project.eu

Ziel des Projektes PARAmount ist es, die Strategien für einen Umgang mit Risiko beim Schutz von bedrohten Verkehrswegen im Alpenraum zu verbessern, besonders im Hinblick auf den Klimawandel (siehe Projektskizze oben). Das Bundesforschungs- und Ausbildungszentrum für Wald, Naturgefahren und Landschaft (BFW) untersucht ein ca. 300km² großes Gebiet im Stanzertal (Abbildung 1).


Abbildung 1: Untersuchungsgebiet Stanzertal (eigene Darstellung)

Die Arlberg-Schnellstraße (S-16), die Bundes- und Landesstraßen sowie die Arlbergbahnstrecke der Österreichischen Bundesbahn (ÖBB) im Stanzertal sind über weite Strecken Lawinen, Hochwässern, Murgängen und Steinschlag ausgesetzt. Permanente und temporäre Maßnahmen (Abbildungen 2a und 2b) zum Schutz vor diesen Gefahren werden von ÖBB, dem Forsttechnischen Dienst für Wildbach und Lawinenverbauung (WLV) und anderen für die Sicherheit entlang der Verkehrslinien zuständigen Institutionen unterhalten (z.B. der ASFiNAG).


Abbildung 2: Netze oberhalb der S-16, Gemeinde Pettneu (Foto: BFW, Adams)

Da die ÖBB Partner im Projekt PARAmount ist, konzentriert sich das BFW auf die Erhebung, Analyse und Auswertung der Gefährdung der Straßeninfrastruktur durch Muren und Lawinen. Die Abteilung "Schnee und Lawinen" hat für das Stanzertal bereits mehrere Studien erstellt (BFW 2008, BFW 2009, Sailer 2001a, b, Sailer et al. 2004).

Arbeitspaket 1: Regionale SWOT-Analyse und Erhebung des Risikomanagement Status Quo

In diesem Arbeitsschwerpunkt des BFW werden die Risikowahrnehmung und das Risikobewusstsein auf lokaler und regionaler Ebene untersucht. Dazu werden persönliche Interviews geführt und eine Online-Umfrage in Kooperation mit der Europäischen Akademie Bozen (EURAC) gestartet.
Weiters werden kritische Abschnitte entlang der Straßeninfrastruktur anhand von Datensätzen der Infrastrukturbetreiber festgelegt. Darüber hinaus erfolgt eine SWOT-Analyse von regionalen Risikomanagementtools, -systemen und -methoden sowie deren Anwendung zum Schutz der Transportinfrastruktur und Umsetzung auf lokaler und regionaler Ebene. Besonderes Augenmerk liegt auf der Verbesserung der Kommunikation zwischen den Interessengruppen. Dazu werden regional Risikodialoge mit allen Interessengruppen (wie Gemeinden, WLV, ASFiNAG und Land Tirol) veranstaltet.

Erste Ergebnisse aus den persönlichen Interviews zeigen:

  • Risikowahrnehmung und -bewusstsein sind sehr verschiedenartig ausgeprägt.
  • Generell besteht ein Bedarf an der Verbesserung der Kommunikation zwischen den Interessengruppen.
  • Die Koordination zwischen den für die Sicherheit zuständigen Institutionen kann verbessert werden.

Arbeitspaket 2: Regionale Analyse von Naturgefahren

Im zweiten Arbeitspaket werden für das Stanzertal regionale Analysen des Gefahrenpotenzials durch Lawinen und Muren erarbeitet, dabei wird auf historische Aufzeichnungen, Geländebegehungen, Gefahrenpotenzialerhebungen, Gutachten, GIS- und Fernerkundungsanalysen sowie auf Ergebnisse von Lawinensimulationsmodellen zurückgegriffen.

Im nächsten Schritt werden "Hotspots" abgegrenzt und dort Detaildaten erhoben, diese dienen als Eingangsdaten für kleinräumige, numerische Simulationen mit den Modellen FLO-2D für Muren und SamosAT und ELBA für Lawinen. Im Zuge von PARAmount wurde ein Mursimulationsmodul in der Software AdB (Gregoretti 2010) entwickelt, das Modul soll implementiert, evaluiert und mit anderen Simulationsmodellen verglichen werden.

Und schlussendlich sollen die Modellergebnisse durch historische Daten überprüft werden, dafür stehen spezielle Ereignisdatenbanken und Dokumentationsmaterial (z.B. Video, terrestrische und luftgestützte Aufnahmen einer Mure im Dawinbach, Gemeinde Strengen, Abbildung 3) zur Verfügung.


Abbildung 3: Murereignis im Dawinbach, Gemeinde Strengen, Stanzertal am 13. Juli 2010; Szene aus einem privat gefilmten Video des Ereignisses - Durchgang des zweiten Murschubes im Bereich der Brücke über die Bundesstraße (Fotos: Privat, Zangerl)

Derzeitiger Stand

Der Schutz der Verkehrswege vor Naturgefahren ist ein zentrales Anliegen der Alpenanrainerstaaten und der Europäischen Union. Im Rahmen des von der Europäischen Union finanzierten Interreg Projektes PARAmount werden neue, kosteneffiziente Verfahren zur Vorbeugung von Schäden durch Naturgefahren gesucht, da die Klimaänderung ein Ansteigen der Schadenshäufigkeit und der Schadensintensitäten mit sich bringen wird. Um die herausfordernde Ziele, bestmögliche Sicherheit und uneingeschränkte Verfügbarkeit der Hauptverkehrswege zu erreichen, sucht PARAmount eine enge Zusammenarbeit mit allen Interessensgruppen, insbesondere den Erhaltern von Verkehrswegen, den Betreibern von öffentlichen und privaten Transportunternehmen, dem Tourismus, der lokalen Wirtschaft sowie der Bevölkerung.

Am 16. Februar 2012 wurde im Innovationszentrum Lantech in Landeck zum zweiten Mal ein regionaler Risikodialog abgehalten, an dem trotz der an diesem Tag herrschenden außergewöhnlichen Wettersituation zahlreiche Vertreter der im Stanzertal für den Schutz der Verkehrswege vor Naturgefahren verantwortlichen Behörden und Organisationen sowie Experten aus den Bereichen des Transportwesens und des Naturgefahrenmanagements teilgenommen haben.

Im Zuge dieser Veranstaltung wurde das von Experten des Bundesforschungs- und Ausbildungszentrums für Wald, Naturgefahren und Landschaft (BFW) erarbeitete Instrument für Kommunikation und Entscheidungsfindung im Bereich von Naturgefahren vorgestellt, das eine strukturierte Aufbereitung der entscheidungsrelevanten Grundlageninformationen erleichtert. Im Rahmen von Pilotstudien im Stanzertal, dem gemeinsamen Testgebiet der am Projekt PARAmount beteiligten österreichischen Partner, dem Bundesministerium für Land- und Forstwirtschaft, Umwelt und Wasserwirtschaft, dem BFW sowie der ÖBB-Infrastruktur AG, ist das neu entwickelte Entscheidungsfindungsinstrument erfolgreich erprobt worden.

Der Einsatz dieses Instrumentes wird zukünftig die Erarbeitung von lokal anwendbaren Richtlinien für die Abwehr von Naturgefahren (Steinschlag, Muren, Lawinen) vereinfachen. Darüber hinaus wird dieses Instrument die Entscheidungsfindung unterstützen und ihre Nachvollziehbarkeit erhöhen. Vor allem im Zuge von größerflächigen Starkwetterereignissen, welche eine Sperrung zahlreicher lokaler aber auch überregionaler Verkehrswege erfordert, wie sie bereits mehrmals in diesem Winter aufgetreten sind, wird dieses Instrument eine effiziente Planung und Durchführung der erforderlichen Akutmaßnahmen erleichtern und die Einbindung von Echtzeitdaten ermöglichen.

Der Jänner 2011 eingeleitete Risikodialog, an dem Vertreter aller Verwaltungsbehörden (Gemeinde, Bezirk, Land und Bund), des Zivil- und Katastrophenschutzes (Feuerwehren, Lawinenkommissionen, Rettungsorganisationen), der Erhalter von Verkehrswegen (Straßenverwaltung und -meistereien, ÖBB), der Wildbach- und Lawinenverbauung sowie der lokalen Wirtschaft (Regionalmanagement Bezirk Landeck, Tourismusverbände) teilnehmen, hat den hohen Grad der Vernetzung der potentiell in einem Schadensfall betroffenen Akteure aufgezeigt. Jedoch erfordert die rasch voranschreitende Entwicklung neuer Verfahren zur Gefahrenerkennung und -vorbeugung einen stetigen Dialog zwischen den Akteuren und eine laufende Anpassung der Katastrophenschutzpläne. Da in jüngerer Zeit die Ansprechpartner der im Ereignisfall betroffenen Organisationen häufiger wechseln, gewinnt die Landeswarnzentrale als Koordinator immer größere Bedeutung.

Im Zuge der Diskussion wurde berichtet, dass vor allem im Winter zunehmend Touristen aus neuen, außeralpinen Gebieten zur Erholung in das Stanzertal kommen. Daher müssen im Falle der Sperrung von Verkehrswegen an den Anreisetagen zukünftig auch diese Personengruppen umfassend über die Situation im Zielgebiet informiert werden und die relevanten Kommunikationsstrategien entsprechend angepaßt werden.

Der in Landeck abgehaltene Risikodialog hat gezeigt, dass die lokale und regionale Anwendung des im Rahmen des Projektes PARAmount generierten Wissens und die darauf aufbauenden Empfehlungen im Sinne des Alpenraumprogrammes der Europäischen Union zur nachhaltige Entwicklung des Alpenraums beiträgt und den Menschen zugute kommt, die in diesem Berggebiet leben, Erholung suchen oder sich auf Durchreise befinden.

Webseite

www.paramount-project.eu
www.alpine-space.eu

Bundesforschungs- und Ausbildungszentrum für Wald, Naturgefahren und Landschaft (BFW)
Austria, 1131 Wien, Seckendorff-Gudent-Weg 8 | Tel.: +43 1 878 38-0

Autor: Adams M., Huber A.

Quelle/URL: https://bfw.ac.at/rz/bfwcms.web?dok=8586