Über die Vermessung des Urwaldes in Surinam


Flächenmäßig circa doppelt so groß und einwohnermäßig nur ein Sechzehntel von Österreich ist Surinam extrem waldreich: 90 Prozent (15 Millionen Hektar) der Landesfläche ist von Wald bedeckt, vorwiegend von tropischem Regenwald und an den Küsten mit Mangroven. Bis Mitte 2013 sollen im Rahmen des Projektes Daten über die Waldressourcen generiert werden: für die Forstpolitik und für eine nachhaltige Bewirtschaftung. Ziele der künftigen Waldpolitik werden einerseits der Waldschutz und andererseits die ökologisch sinnvolle Waldnutzung sein. Effiziente Holzwirtschaft und sanfter Tourismus sollen das in den letzten Jahren vom Internationalen Währungsfonds positiv bewertete Land wirtschaftlich weiter stärken.

Mit und ohne Zutun

Dafür braucht man jedoch Konzepte und ein Bewusstsein dafür, welche Ressourcen vorhanden sind, welche ökologisch geschützt und welche genutzt werden können. Diese Bewertung ermöglicht technisch die Waldinventur, in deren Rahmen festgestellt werden kann, ob sich der Zustand des Waldes aufgrund der Tätigkeiten des Menschen oder auch ohne sein Zutun verändert hat. Zudem sind die internationalen Konventionen im Hinblick auf das Klima, die Artenvielfalt und Bekämpfung der Wüstenbildung unumgänglich geworden - mithilfe dieser Daten kann Rechenschaft über die nationalen ökologischen Prozesse, zum Beispiel im Kampf gegen die Zerstörung des Regenwaldes, gegeben werden.

Aus der Vogelperspektive


Effizienz der Inventur wird eines der zentralen Begriffe sein: einerseits was die Reduktion der Inventurkosten in dem seit 1975 von den Niederlanden unabhängigen Surinam betrifft und andererseits was die Datenerhebung selbst betrifft. Und dafür liefert Österreich das technische Know-how: Digitalkameras, die auf Flugzeugen leicht montiert werden können, kommen für die Erstellung von Luftbildern zum Einsatz. Dabei wird eine spezielle technische Entwicklung des Joanneum Research Graz angewendet.

"Fünf Terrabyte umfasste das Bildmaterial und drei Wochen lang musste dieses am Joanneum Research in Graz und am Bundesforschungszentrum für Wald (BFW) durch die Rechner geschickt werden, bevor man ein dreidimensionales Bild des Waldes vor sich hatte. Dabei wurde ein sehr plastisches Modell der Kronenüberdachung generiert, obwohl die Bäume aus 800 Meter Höhe aufgenommen wurden", bringt DI Dr. Klemens Schadauer die Technik der Waldinventur auf den Punkt.




Fragen an Projektleiter Markus Sommerauer (ANRICA) und Klemens Schadauer (Institut für Waldinventur):

Welche Vorteile sieht man darin, im "unberührten" Urwald von Surinam eine Waldinventur durchzuführen?

Sommerauer:
"Ganz egal was mit Wald geschehen soll, bewahren, schützen, nutzen - wenn man nicht weiß, wie es um den Zustand des Waldes bestellt ist, wie soll man da eintretende Veränderungen, sei es durch den globalen Klimawandel oder durch menschlichen Eingriff, erkennen können? Es verhält sich so wie mit einem Labyrinth. Aus der Vogelperspektive findet man leicht den Weg hinaus, aber wenn man drinnen herumirrt, ist es ungemein schwerer, die Orientierung zu behalten."

Schadauer:
"Der Wald in Surinam ist nicht völlig unberührt. Im nördlichen Teil des Landes werden, wie das in den Tropen so üblich ist, mit Konzessionären Nutzungsverträge abgeschlossen. Dabei finden aber in Surinam keine großflächigen Entwaldungen statt. Die Holznutzung steht unter Aufsicht der nationalen Forstbehörde, die versucht, jeden einzelnen genutzten Baum nachzuverfolgen. Das beginnt mit der Erfassung der Koordinaten vor der Fällung bis hin zum Verkauf, der bei der gleichen Behörde angemeldet werden muss. Generell ist statistisch saubere Waldinformation nicht eins zu eins mit einer nachherigen Abholzung verbunden. Es gibt viele Gründe, warum diese Information von Bedeutung ist. Diese reichen vom Carbonreporting über die Biodiversität bis zu den Bedürfnissen der im Wald lebenden indigenen Bevölkerung. Aber selbstverständlich: So eine Inventur ist auch Planungs- und Kontrollinstrument für eine nachhaltige Wald- und Holznutzung."

Kann das Design der österreichischen Waldinventur ein zu eins auf den Wald in Surinam angewandt werden oder sind erhebliche "Übersetzungsmaßnahmen" erforderlich?

Sommerauer:
"Sicherlich kann das österreichische Waldinventursystem nicht eins zu eins nach Surinam übertragen werden. Ganz wesentlich ist aber, dass unser erstklassiges österreichisches Know-how im Waldinventurbereich eine entsprechend genaue und kostengünstige Waldinventur in Surinam ermöglicht. Tropenwälder sind grundsätzlich schwer zugänglich. Während man bei uns in Österreich oft nur einige Minuten vom PKW-Abstellplatz bis zum Probepunkt benötigt, kann die Anreise zum Probepunkt im Tropenwald Tage in Anspruch nehmen. Deshalb müssen wir unsere Datenerhebung vermehrt zu Luftbildern hin verlegen und die Anzahl der im Wald zu vermessenden Probepunkte reduzieren. Da wir aufgrund unserer langjährigen Erfahrung wissen, wie man fehlende Informationen durch kluges Stichprobendesign kompensiert, können wir trotzdem qualitativ hochwertige und statistisch abgesicherte Aussagen über den tropischen Regenwald Surinams machen. Und beim Berechnen und Auswerten der Daten aus Surinams Regenwald werden wir sicherlich viele bereits in Österreich eingesetzte Methoden anwenden."

Schadauer: "Die Planung einer Waldinventur muss sich immer eng an den Gegebenheiten in einem Land ausrichten. Ausgehend von den Informationsbedürfnissen über die technischen Möglichkeiten vor Ort, der Personalausstattung und deren Entwicklungsmöglichkeit und natürlich der finanziellen Ausstattung muss ein Konzept erarbeitet werden. Diese beinhaltet dann neben dem statistischen Design auch ein Durchführungs-, Auswertungs- und Präsentationskonzept. Das heißt: Hier sind viel Interessen betroffen und daher wird eine Waldinventur nie eins zu eins von einem Land in ein anderes übertragbar sein, schon gar nicht, wenn die Länder durch einen Ozean getrennt sind. Dahinter muss immer ein Dialog zwischen den verschiedensten Interessensgruppen stehen, sonst überlebt so eine Inventur nicht lange."

Kontakt | Rückfragen

Mag. Marianne Schreck, Wissensvermittlung, +43 1 87838 13 43, +43 664 453 66 00, marianne.schreck@bfw.gv.at

Bundesforschungs- und Ausbildungszentrum für Wald, Naturgefahren und Landschaft (BFW)
Austria, 1131 Wien, Seckendorff-Gudent-Weg 8 | Tel.: +43 1 878 38-0

Autor: Schreck M.

Quelle/URL: https://bfw.ac.at/rz/bfwcms.web?dok=9346