Quarantänekrankheit erstmals länderübergreifend


Im September dieses Jahres wurde die Lecanosticta-Nadelbräune, die 1996 das erste Mal im Stadtgebiet von Hollenstein/Ybbs festgestellt wurde, auch in weiteren Bundesländern nachgewiesen. Aufgrund des Quarantänestatus der Pilzkrankheit besteht die gesetzliche Verpflichtung zu Gegenmaßnahmen.

Das Auftreten der Lecanosticta-Nadelbräune beschränkte sich nach jährlichen Kontrolluntersuchungen des Bundesforschungszentrum für Wald (BFW), Wien, anfangs nur auf urbane Gebiete (Gärten, Hecken) in Hollenstein/Ybbs (oberes Ybbstal, Niederösterreich). Im August 2008 wurde die Pilzkrankheit jedoch erstmals, in einem an das Stadtgebiet angrenzenden Mischwaldbestand, an Weißkiefer (Pinus sylvestris) nachgewiesen.

Kontrollen in den Folgejahren belegten die weitere Ausbreitung. So wurden 2009 und 2010 neue Befallsbäume in weiter entfernten Ortsteilen Hollensteins und angrenzenden Waldbeständen festgestellt. Im Herbst dieses Jahres wurde die Lecanosticta-Nadelbräune nun erstmals in weiteren Bundesländern (offizielle Meldungen stehen noch aus) nachgewiesen. Eine ungehinderte Ausbreitung stellt eine Gefahr für alle urbanen Standorte, aber auch Waldbestände dar, in denen die Kiefer vorkommt.


Abbildung 1: Befallsmerkmale der Lecanosticta-Nadelbräune auf Kiefer - deutlich erkennbar ist das "Pinselstadium"

Bedeutung des Befalls

Die Lecanosticta-Nadelbräune ist in der EU als Quarantäneschädling eingestuft. Es besteht die gesetzliche Verpflichtung zu Gegenmaßnahmen. Von der Krankheit sind fast alle Kiefernarten betroffen, in Europa vorwiegend Weißkiefer (Pinus sylvestris) und Bergkiefer (Pinus mugo). In Österreich blieb ein Befall an Schwarzkiefer (Pinus nigra) bisher aus, wobei Infektionsversuche in Deutschland ergaben, dass diese ebenfalls befallen werden kann. Ein Auftreten an Fichte ist bisher nur an der Blaufichte (Picea glauca) bekannt. Die Lecanosticta-Nadelbräune ist vor allem in jenen Gegenden ein Problem, wo feuchtwarme Sommer die Regel sind. Die Verbreitung erfolgt hauptsächlich über Wassertropfen, die von Pflanze zu Pflanze geschleudert, oder vom Wind vertragen werden. Jedoch ist nach den jüngsten Beobachtungen, auch eine Verbringung durch den Menschen nicht auszuschließen.

So wurden häufig Befallsbäume in privaten Gärten, auf öffentlichen Flächen und oft in unmittelbarer Nähe zur Straße entdeckt. Die Verbreitung der Krankheit über große Distanzen, kann auch mit infiziertem Pflanzmaterial erfolgen.

Gesetzliche Grundlagen

Die Lecanosticta-Nadelbräune ist als Quarantänekrankheit im Sinne der Pflanzenschutzbestimmungen der EU zu behandeln. Bei Verdacht ist der amtliche Pflanzenschutzdienst zu verständigen. Die Bestimmungen des Forstgesetzes 1975 (Unterabschnitt IV B) treten in Kraft, sobald ein Quarantäneschadorganismus im Wald nachgewiesen wurde oder Waldbäume gefährdet sind. Die Forstbehörde beauftragt den Waldbesitzer mit entsprechenden Maßnahmen und veranlasst sowohl deren Kontrolle als auch die Untersuchungen zur Verbreitungssituation.

Symptome

Die klassischen Symptome der Lecanosticta-Nadelbräune zeigen sich vor allem im Kronenbild. Die Krankheit befällt dort zunächst vorwiegend Äste im unteren und mittleren Kronenbereich (höhere Luftfeuchtigkeit). Bei starkem Befall greift die Infektion auf die gesamte Baumkrone über. Bei mehrjährigem Befall bleibt oft nur mehr der diesjährige Nadeljahrgang übrig und das so genannte "Pinselstadium" entsteht. In diesem Stadium erscheinen die infizierten Bäume wie verbrannt (Abbildung 1).

Die Infektion der Nadeln findet von Mai bis Juni statt, sie kann aber auch bis in den frühen Herbst erfolgen. Voraussetzung hierfür sind vor allem klimatische Bedingungen. So kann eine Infektion nur an feuchter Nadeloberfläche erfolgen. Der Pilz kann in einem weiten Temperaturbereich zwischen 5 °C und 35 °C wachsen, wobei das Optimum bei 25 °C liegt.

Im August und September erscheinen die ersten Symptome auf den Nadeln. Zunächst sind unspezifische hellgrüne oder gelbgrüne Flecken (1 bis 2 mm) beziehungsweise Bänder erkennbar. Im weiteren Verlauf verfärben sich diese braun und sind von einem gelben Ring umgeben (Abbildung 2). In einem Zeitraum von 3 bis 14 Tagen bilden sich im Inneren winzige schwarze Punkte, die asexuellen Fruchtkörper (Conidiomata).

Im späteren Verlauf verbräunen die infizierten Nadeln und sterben ab. Der Pilz überwintert in den toten Nadeln am Baum oder auf dem Boden.


Abbildung 2: Nadelsymptome der Lecanosticta-Nadelbräune auf der Bergkiefer (Pinus mugo) - braune, 1 bis 2 mm große Flecken mit gelbem Rand

Die Ausprägung der Symptome ist je nach Kiefernart sehr unterschiedlich. Die Bergkiefer (Pinus mugo) besitzt eine sehr hohe Anfälligkeit und ist auch von der Symptomausprägung her eine gute Indikatorpflanze (Abb. 4). Bei der Weißkiefer (Pinus sylvestris) dagegen, ist ein Befall eher unauffällig, da oft das typische Kronenbild
der Krankheit und die Symptome auf den Nadeln schwach ausgeprägt sind. Die Krankheit kann vor allem für Jungpflanzen schwerwiegende Folgen haben, da ein mehrjähriger Befall oft zum Absterben führt. Ein Befall an Altbäumen kann Kronenverlichtung, Zuwachsverluste, Triebsterben und eine Schwächung verursachen.

Verwechslungsmöglichkeiten

Verwechslungsgefahr besteht mit abiotischen (zum Beispiel Frost, Auftausalze, Nährstoffmangel, Luftverunreinigung) und biotischen Schäden (parasitische Pilze, Insekten und Milben). Für eine sichere Diagnose sind hierfür mikroskopische Untersuchungen notwendig. Von den vielen Nadelkrankheiten, die an der Kiefer vorkommen, kann die Lecanosticta-Nadelbräune vor allem mit der Dothistroma-Nadelbräune (Hauptfruchtform: Mycosphaerella pini, Nebenfruchtform: Dothistroma septosporum) verwechselt werden.

Die Befallsmerkmale und der Krankheitsverlauf beider Krankheiten sind einander sehr ähnlich. Querbänder treten bei beiden Krankheiten auf, doch sind diese bei der  Lecanosticta-Nadelbräune nie rötlich gefärbt. Zudem brechen die in den Bändern entstehenden asexuellen Fruchtkörper (Conidiomata) meist deutlich über die Oberfläche hinaus und zeigen wegen der gefärbten Sporen einen grünlichen Schimmer (Abb. 5). Die Fruchtkörper der Dothistroma-Nadelbräune hingegen erscheinen schwarz gefärbt
und sind von 1 bis 3 mm breiten ziegelroten Bändern umgeben (Abb. 6). Diese Merkmale sind mit einiger Erfahrung unter Zuhilfenahme einer Lupe erkennbar.

Eindeutig identifiziert werden kann die Lecanosticta-Nadelbräune jedoch nur anhand morphologischer Fruchtifikationsmerkmale, der Morphologie der Pilze in Reinkultur und mit molekularbiologischen Methoden.

Ausblick

Die Lecanosticta-Nadelbräune breitet sich schneller aus, als die klimatischen Bedingungen erwarten ließen, daher kann man annehmen, dass manche Infektionsquellen
übersehen wurden. Befallene Kiefern im Stadtgebiet von Hollenstein/Ybbs stellen die größte Gefahr für die Ausbreitung der Krankheit auf die angrenzenden Weißkiefernbestände dar.

Nicht nur entlang der Ybbs, sondern auch nördlich und nordwestlich von Hollenstein, vor allem an den Hangrücken und in den Gärten, stehen zahlreiche infektionsgefährdete
Kiefern. Wichtig ist, Verdachtsfälle an die zuständigen Behörden zu melden, da eine Differentialdiagnose aufgrund rein makroskopischer Merkmale äußerst schwierig ist.

Da über die Verbreitung dieser Quarantänekrankheit (Lecanosticta-Nadelbräune) und die Befallshäufigkeit in Österreich bisher wenig bekannt ist, nimmt der Autor diesbezügliche Beobachtungen und vor allem Nadelproben von Kiefern aus der Praxis gerne entgegen.

Bundesforschungs- und Ausbildungszentrum für Wald, Naturgefahren und Landschaft (BFW)
Austria, 1131 Wien, Seckendorff-Gudent-Weg 8 | Tel.: +43 1 878 38-0

Autor: Cech T.

Quelle/URL: https://bfw.ac.at/rz/bfwcms.web?dok=9563