Die Lawinen-Schutzwirkung des Waldes im Klimawandel


Im Zusammenhang mit dem Klimawandel werden auch eine Zunahme von Elementarereignissen (Hochwasser, Mure, Rutschung, Lawine und Felssturz-/Steinschlag) und Veränderungen des Gebirgswaldes und seiner Schutzwirkungen diskutiert. Es gibt aber zu den konkreten Auswirkungen auf die Schutzwirkung des Waldes vor Naturgefahren nur wenige klare Aussagen und noch große Unsicherheiten. Im Rahmen des Projektes MANFRED wurden mögliche Veränderungen des Gebirgswaldes durch den Klimawandel untersucht. Damit auch in Zukunft die Schutzwirkungen des Waldes erhalten bleiben, müssen die laufenden und möglichen Umweltveränderungen analysiert und bei der Waldbewirtschaftung berücksichtigt werden. Um den Einfluss des Klimawandels auf die Lawinen-Schutzwirkung des Waldes abschätzen zu können, wurde im Rahmen von MANFRED am BFW eine Literaturstudie zu diesem Thema durchgeführt.

Grundsätzlich ist bei der Behandlung dieser Frage zwischen dem bisher beobachteten Trend und den möglichen, zukünftigen Folgen des Klimawandels zu unterscheiden. Die meisten Arbeiten sind retrospektive Trendanalysen der generellen Veränderung von indirekten meteorologischen Einflussfaktoren der generellen Lawinengefahr wie der Dauer der Winterschneedecke, relativ wenige behandeln direkte Indikatoren, wie den Schneeniederschlag und die Schneehöhe. In Bezug auf die künftige Lawinengefahr lässt sich aus den Studien kein eindeutiger Trend ableiten. Fast alle Studien gehen davon aus, dass durch die Erwärmung die Tage mit günstigen Bedingungen für Lawinenanbrüche durch Neuschneefälle im Hochwinter abnehmen, dafür aber mehr nasse Altschneelawinen und vor allem Frühjahrslawinen auftreten werden. Wie sich mögliche Veränderungen auf die Lawinengrunddisposition in Österreich auswirken, dazu gab es bislang keinen genaueren Aussagen.



Abbildung: Die Erwärmung führt im hochmontanen Bereich zu einem stärkeren Gefahrenpotenzial von Gleitschneelawinen (Foto links, D. Walter)
und nassen Locker- und Schneebrettlawinen (Foto rechts, F. Perzl) im Wald.

Durch eine Modellierung der mittleren maximalen Schneehöhe der Periode 2071-2100 auf Grundlage der Beziehung zwischen der Schneehöhe und der Lufttemperatur sowie dem PRUDENCE-Szenario (Zunahme der Temperatur um +4°C) wurde ein Veränderungs-Szenario der Lawinenanbruchs-Grunddisposition für Österreich bestimmt. Die angenommene unterste Grenzlinie der meteorologischen Lawinen-Grunddisposition von 50 cm mittlere maximale Schneehöhe verschiebt sich nach diesem Modell bis 2100 von durchschnittlich 700 m (je nach Region 350 m bis 1290 m) auf 1250 m (410 m bis 2020 m) Seehöhe. Je nach Szenario mit und ohne "Nassschneebedingungen" verringert sich die Fläche mit Lawinenanbruchs-Disposition von derzeit rund 11 % auf 5,5 oder 7,5 % der Landesfläche.

Nur sehr wenige Studien beschäftigen sich aber direkt mit dem Einfluss auf die Lawinenschutzwirkung des Waldes, da dafür die Datengrundlage nicht gegeben ist. Teich et al. (2012) konnten in der Schweiz seit 1971 einen abnehmenden Trend der Tage feststellen, bei denen günstige Schnee- und Wetterverhältnisse für Waldlawinenanbrüche gegeben sind.  Dass auch ein Rückgang günstiger Bedingungen für nasse Altschneelawinen aus dem Wald festgestellt wurde, widerspricht der allgemeinen Hypothese günstiger Bedingungen für Gleit- und Altschneelawinen durch die Erwärmung. Für Österreich liegen solche Trendanalysen noch nicht vor.

Aus der Literaturstudie und dem Schneehöhen-Szenario kommen die Autoren zu folgenden Schlüssen:
  • Die beobachteten und prognostizierten Änderungen des Klimas führen dazu, dass in den submontanen und tiefmontanen Lagen die klimatische Grunddisposition für Lawinenanbrüche im und außerhalb des Waldes abnimmt. Daher ist in diesen Lagen mit Ausnahme von extrem steilen und glatten Standorten auch mit einer geringeren "Lawinenaktivität" zu rechnen. Hauptursache dafür ist der Rückgang der Schneehöhen bzw. dass weniger häufig große Schneehöhen auftreten.
  • Die Lawinenaktivität wird in den sub- und tiefmontanen Lagen vermehrt aus Gleit- und nassen Lockerschneelawinen bestehen, während trockene Schneebrettlawinen bzw. Bedingungen für solche Ereignisse weniger häufig zu erwarten sind. Da der Wald gegen nasse Lockerschneelawinen eine geringere Schutzwirkung hat, nimmt die potenzielle Schutzwirkung des Waldes in diesen Lagen ab. Allerdings führt das sehr wahrscheinlich nicht zu einem erhöhten Schadensrisiko, da die in Frage kommenden Hänge oft sehr dicht bewaldet oder schon technisch gesichert sind. Es könnten jedoch häufiger Bodenrutschungen im Winter auftreten, deren Sturzmassen mit Nassschnee durchmischt sind.
  • In den schneereicheren mittel- bis hochmontanen Lagen wirkt sich die Reduktion der Schneehöhen weniger aus, und es gibt gerade auch dadurch häufiger Bedingungen, die Gleitschnee-, feuchte und nasse Schneebrett- sowie nasse Lockerschneelawinen fördern. Dadurch besteht die Gefahr von Schäden an der Verjüngung und die Schutzwirkung des Waldes nimmt ab. Da in Frage kommende Steilhänge ebenfalls vielfach bereits verbaut sind, nimmt das Schadensrisiko für den Siedlungraum dadurch nicht erheblich zu. Es könnten jedoch neue Lawinenzonen aktiv werden, die bislang nicht aufgefallen sind.
  • Die Klimaänderungen führen dazu, dass die Überschirmung (der Nadelholzanteil) als Schutzmechanismus an Bedeutung verliert. Die Oberflächenrauigkeit (Totholz, Jungwuchs, Stammzahl) wird vor allem in den montanen Lagen zum entscheidenden Faktor der Schutzwirkung des Waldes gegen Lawinenanbrüche.

Literaturstudie zum Herunterladen

Die Lawinen-Schutzwirkung des Waldes im Klimawandel

Bundesforschungs- und Ausbildungszentrum für Wald, Naturgefahren und Landschaft (BFW)
Austria, 1131 Wien, Seckendorff-Gudent-Weg 8 | Tel.: +43 1 878 38-0

Autor: Perzl F.

Quelle/URL: https://bfw.ac.at/rz/bfwcms.web?dok=9820