Innsbrucker Hofburggespräche
am 1. April 2014 - eine Nachlese


Zahlreiche nationale und internationale ReferentInnen und ZuhörerInnen trafen sich am 1. April 2014 in Innsbruck, um im Rahmen der Innsbrucker Hofburggespräche zu aktuellen und zukünftigen hydrologischen Fragestellungen zu diskutieren. Dabei standen zwei Themenbereiche im Zentrum der Diskussion, welche unmittelbar miteinander verknüpft sind:

  • Wie wirken sich räumlich und vor allem zeitlich variable Einflussfaktoren (Systemzustände) auf die Abflussreaktion in hydrologischen Systemen aus?
  • Was sind die Auswirkungen des Klimawandels auf hydrologische Systeme?

Auf Grund des regen Interesses an der Tagung, welche sowohl für die wissenschaftliche Gemeinschaft als auch für die ExpertInnen aus der Praxis eine zentrale Fragestellung thematisierte, musste die Veranstaltung aus den Räumlichkeiten der Innsbrucker Hofburg in die Aula der Universität Innsbruck verlagert werden. Der Umstand des notwendigen Wechsels zu einem größeren Veranstaltungsort zeigte aber, dass das BFW mit seinen Forschungsarbeiten wichtige und zentrale Fragestellungen der Wissenschaft und Praxis bearbeitet.
Die enge Verbindung des BFW zum universitären Forschungsumfeld wurde auch dadurch sichtbar, dass die Veranstaltung, die den Auftakt zur Innsbrucker Klimawoche darstellte, in Zusammenarbeit mit dem Institut für Geographie (Universität Innsbruck), dem Institut für Meteorologie (Universität für Bodenkultur, Wien) und dem Institut für Erd- und Umweltwissenschaften (Universität Potsdam) durchgeführt wurde.

Im Rahmen der Innsbrucker Hofburggespräche wurden Ergebnisse aus dem vom Österreichischen Klima- und Energiefonds (ACRP-Programm) geförderten Projekt SeRAC-CC (Sensitivity of the Runoff Characteristics of Small Alpine Catchments to Climate Change) vorgestellt, indem die Fragestellung des Systemzustandes in Wildbacheinzugsgebieten und dessen veränderte Auftretensmuster im Zuge des Klimawandels erforscht wurden.

SeRAC-CC-Ergebnisse

Friedrich Schöberl, der Projektleiter von SeRAC-CC, erläuterte in seinem Eingangsreferat die Idee, die Ziele und Methoden des Projektes. Vortragpdf

Herbert Formayer
zeigte, wie sich die Klimasignale aus globalen Klimamodellen auf kleine Wildbacheinzugsgebiete lokalisieren lassen und welche Trends sich für die drei SeRAC-CC Testgebiete (Ruggbach, Brixenbach, Längentalbach) prognostizieren lassen. Es wird erwartet, dass die kurzfristigen kleinräumigen Starkniederschlagsereignisse in Folge des Klimawandels zunehmen und dass sich eine Verschiebung des Schneefalls hin zu flüssigem Niederschlag einstellen wird. Vortrag pdf

Klaus Klebinder
führte aus, wie sich der Feuchtezustand eines Standortes auf die Abflussreaktion auswirkt. In den SeRAC-CC Testgebieten muss bei sehr ungünstigen Vorbedingungen mit einer deutlichen Erhöhung des Spitzenabflusses gerechnet werden, höhere Niederschlagintensitäten unter wärmeren klimatischen Bedingungen führen ebenso zu einer signifikanten Steigerung des Spitzenabflusses. Vortrag pdf

Gertraud Meißl
zeigte, dass in den SeRAC-CC Gebieten eine leichte Zunahme des Winterabflusses zu erwarten ist. Im Sommer hingegen ist mit einer stärkeren Abnahme des Abflusses und einer geringeren Füllung der Bodenspeicher zu rechnen. Die Höhe und Dauer der Schneebedeckung nimmt ab, vor allem im höchstgelegenen Gebiet Längental. Eine Zunahme der Niederschlagssumme und -intensität unter geänderten Klimabedingungen wirkt sich bei ungünstigen Systembedingungen stärker aus als bei günstigem Systemzustand. Vortrag pdf


Erfahrung internationaler Referenten

Rolf Weingartner erläuterte den Einfluss des Klimawandels auf die Wasserversorgung in der Region Crans-Montana-Sierre im Schweizer Wallis. Dabei spannte er den Bogen von Klimaprojektionen bis hin zu Auswirkungen gesellschaftspolitischer Veränderungen. Sozioökologische Auswirkungen werden größeren Einfluss nehmen, als der Klimawandel. Auch 2050 wird die Wasserversorgung insgesamt ausreichend sein, Probleme mit dem Wassermanagement stehen dann im Mittelpunkt. Vortragpdf

Simon Scherrer zeigte den Umgang mit dem Klimawandel bei der Dimensionierung von HW-Schutzmaßnahmen in Deutschland, Österreich und der Schweiz. Er erläuterte, dass mit Recherchen historischer Daten die Kenntnis der Hochwassergeschichte von Einzugsgebieten deutlich erweitert werden kann. Diese erweiterte Betrachtungsweise hilft bei der Einschätzung von Unsicherheiten und verbessert die Kenntnis über die Gebietsreaktion. Vortrag pdf

Peter Chifflard präsentierte, wie sich unterschiedliche Bodenfeuchteverhältnisse auf den Abfluss auswirken. Vor allem für "Hochgebirgshydrologen" waren die Untersuchungen der Effekte periglazialer Deckschichten eine interessante Wissensergänzung. Chifflard zeigte, wie mit punktuellen Messungen der Bodenfeuchte bzw. der Saugspannung die Abflussbereitschaft von größeren Einzugsgebieten in Mittelgebirgslandschaften mit hoher Wahrscheinlichkeit prognostiziert werden kann. Vortrag pdf

Stefan Pohl
erläuterte, wie Schnee die Abflussreaktion bei Niederschlagsereignissen modifiziert. Ziel seiner Arbeiten ist es, eine verbesserte Vorhersage des Abflusses bei Regen-auf-Schnee Ereignissen durch Kenntnis über die räumliche Verteilung des Schnees zu erzielen. An Beispielen aus dem Schwarzwald konnte er den Einfluss des Schnees auf Winterhochwässer belegen - eine Thematik die durch den Klimawandel durchaus auch größere Relevanz für den Alpenraum bekommen könnte. Vortrag pdf

Axel Bronstert fokussierte seinen Vortrag auf die Effekte der Landnutzung bzw. von Landnutzungsänderungen auf den Hochwasserabfluss. An Studien unterschiedlicher Flusseinzugsgebiete konnte er zeigen, dass die Landnutzung bei großflächigen advektiven Niederschlagsereignissen mit großen Regenmengen eine untergeordnete Rolle spielt. Auf der Mesoskala hingegen zeigen sich Auswirkungen von zunehmender Urbanisierung bei konvektiven Niederschlagsereignissen. Vortrag pdf

Hubert Holzmann zeigte, wie sich unterschiedliche hydrologische Modelle in die Methodenkette bei Klima-Impact Studien integrieren lassen. Bei der Beurteilung der hydrologischen Auswirkungen von Klimaänderungen sind modellbedingte Variabilitäten zu berücksichtigen, da diese unter Umständen größer sind als Unsicherheiten der Klimamodelle. Sensitivitätsanalysen sind hierfür ein probates Mittel. Vortragpdf


Fazit der Veranstaltung

Klimamodelle, vor allem jene der neuersten Generation, zeigen deutliche Veränderungen der atmosphärischen Rahmenbedingungen im Alpenraum. Bei allen Unsicherheiten, denen diese Klimaprogosen unterliegen, zeigt sich ein eindeutiger Trend hin zu wärmeren Temperaturen und zu einer Verschiebung des Niederschlagsregimes. Mit Hilfe aktueller wissenschaftlicher Studien lassen sich auch Prognosen über zukünftige Niederschlagsintensitäten in Wildbacheinzugsgebieten bei konvektiven Ereignissen erstellen. Wie sich diese geänderten klimatischen Verhältnisse auf die komplexen hydrologischen Prozesse in Wildbacheinzugsgebieten auswirken, kann durch hydrologische Modellrechnungen abgebildet werden. Kontinuierliche Modellrechnungen ermöglichen die Abschätzung langfristiger Verschiebungen des Systemzustandes, insbesondere des Feuchtezustandes und der Schneebedeckung in Einzugsgebiete. Ein Weg zur Abschätzung extremer Abflüsse unter geänderten Klimabedingungen kann über Szenarienanalysen mit modifizierten Bemessungs-niederschlagswerten erfolgen. Hierfür ist aber ein umfassendes Verständnis der hydrologischen Prozesse an einem Standort und in einem Einzugsgebiet erforderlich. Dieses Verständnis ist trotz aller Möglichkeiten der Modellierung vielfach nur durch gezielte Feld- untersuchungen zu erzielen ist und bedarf daher eines intensiven Forschungseinsatzes.

Die Veranstalter und das Organisationsteam, Gertraud Meißl vom Institut für Geographie der Universität Innsbruck und Klaus Klebinder vom BFW, bedanken sich herzlich bei allen ReferentInnen und bei allen ZuhörerInnen für die Teilnahme und die rege Diskussion.

Innsbrucker Hofburggespräche Übersicht



Bundesforschungs- und Ausbildungszentrum für Wald, Naturgefahren und Landschaft (BFW)
Austria, 1131 Wien, Seckendorff-Gudent-Weg 8 | Tel.: +43 1 878 38-0

Autor: Klebinder K.

Quelle/URL: https://bfw.ac.at/rz/bfwcms.web?dok=9827