Chronik der Forstlichen Bundesversuchsanstalt 1975 - 1999
 
FBVA-Chronik
Forschungsziel einst und jetzt: Erhaltung der Umwelt
Hochwasser Obwohl das Wort "Umwelt" vor 125 Jahren noch kein gebräuchlicher Begriff war, waren es große Umweltprobleme, die den Anlaß zur Gründung der Forstlichen Versuchsanstalt bildeten, und zwar großflächige Entwaldungen in der Folge von Großkahlschlägen, vor allem für den Bergbau. Sie waren damals Ursache von zum Teil katastrophalen Schadensereignissen, wie Lawinen- und Hochwasserkatastrophen sowie von starken Vermurungen. Diese Probleme wurden sehr ernst genommen. So empfahl der 1873 anläßlich der Wiener Weltausstellung tagende Internationale Land- und Forstwirtschaftliche Kongreß den Regierungen, den Aufbau des forstlichen Versuchswesens in Angriff zu nehmen.

Zur Lösung der Waldschutzfrage wurde ein internationales Beobachtungssystem empfohlen, das den Einfluß des Waldes auf Klima, Niederschlag, Quellenbildung, Überschwemmungen usw. feststellen sollte. Internationale Vereinbarungen sollten getroffen werden, um der fortschreitenden Waldverwüstung wirksam entgegenzutreten. Schon damals überschritten die Umweltprobleme also die nationalen Grenzen.

Obwohl zu Ende des vorigen Jahrhunderts das Ertragsdenken im Vordergrund stand, zeigte bereits der erste Leiter der Forstlichen Versuchsleitung, Arthur von Seckendorff-Gudent, umweltorientiertes Denken und Handeln. Zu seinen bedeutendsten Leistungen im Bereich der Umwelt zählten Arbeiten auf dem Gebiet der Wildbachverbauung. Seckendorff nahm auch die Fachgebiete Pflanzenphysiologie und Klimakunde in das forstliche Versuchswesen auf. Einer seiner ersten Mitarbeiter auf diesem Fachgebiet war der Botaniker Wilhelm Velten, der 1876 während seines Außendienstes in der Nähe von Lienz tödlich verunglückte. Velten führte Untersuchungen über das Dickenwachstum, vor allem über das Kambialwachstum bei Pflanzen durch und studierte den Einfluß der Temperatur auf die Keimfähigkeit von Nadelholzsamen sowie die Verbreitung der Lärche. Sein Nachfolger, Joseph Moeller - ein promovierter Mediziner - studierte den "Einfluß der Bodenbeschaffenheit auf die Entwicklung der Schwarzkiefer", die "Physiologie und Anatomie der Schwarzkiefer" und die "Auswirkungen der Kohlensäure im Boden auf die Vegetation". Die Wirkungen verschiedener Umweltfaktoren, wie Temperatur, Elektrizität, Schwerkraft, Licht usw. auf die Lebensvorgänge der Pflanzen wurden ebenfalls untersucht.

Der Einfluß des Waldes auf das Klima beschäftigte schon vor der Gründung der forstlichen Versuchsanstalten die Fachleute. Es war daher naheliegend, den Aufbau eines forstmeteorologischen Beobachtungssystems in Angriff zu nehmen. Mit der wissenschaftlichen Leitung dieses Projekts wurde Josef Roman Lorenz von Liburnau betraut. Ein wichtiges Thema war der Einfluß von Klimafaktoren auf die Ertragsleistung des Waldes. Auch der Einfluß des Waldes auf die nähere und fernere Umgebung wurde beobachtet und Spezialuntersuchungen des Lokal- und Mikroklimas in Angriff genommen. Diese Untersuchungen bezogen sich sowohl auf die Nutzwirkung als auch auf die Wohlfahrts- und Schutzwirkung des Waldes.

Zum damaligen Zeitpunkt galt es bereits als wissenschaftlich erwiesen, daß ein wesentlicher Teil des Niederschlages von den Baumkronen zurückgehalten wird. Heute nennen wir das Interzeptionsverlust. Die mittleren Interzeptionsverluste von Nadelbäumen wurden mit 30 % und mehr, die von Laubhölzern mit 20 % angegeben. Die Werte stimmen übrigens mit heutigen vergleichbaren überein. Diese Arbeiten wurden von der im Jahre 1880 in Wien abgehaltenen internationalen Konferenz für Agrarmeteorologie als vorbildlich bezeichnet und die Durchführung derartiger Projekte auch in anderen Ländern empfohlen. Als Folge dieser Erkenntnisse wurden Rodungen in Einzugsgebieten von Wildbächen und in Quellschutzgebieten verboten.

Ein wesentliches Ziel der Forschung in den Anfangszeiten der Forstlichen Versuchsanstalt war es, die Ertragsfähigkeit der Wälder zu erhalten. Die Nachhaltigkeit war bereits ein Thema der forstlichen Forschung. Als besonders gefährlich für den Wald sah man Waldweide, Streunutzung, Großkahlschläge, hohen Wildstand sowie nicht standortsgerechten Waldbau an.

Vergleicht man die Ziele der Forschung in den Anfangszeiten der Forstlichen Versuchsanstalt mit den Zielen heutiger Arbeiten, so wird deutlich, daß es im wesentlichen dieselben geblieben sind, nämlich die Nutz- und Schutzfunktion unserer Wälder zu erhalten und den Zustand der Umwelt des Landes dort, wo es notwendig ist, zu sichern und zu verbessern.

06.02.06 | Linhart, R.
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