Kuriose Figur: Malvenwanze auf Winterlinde


Wanzen, wie die Marmorierte Baumwanze, erfreuen sich in letzter Zeit gesteigerter Aufmerksamkeit. 
Seit einigen Jahren kommt nun auch die aus dem Mittelmeerraum stammende Malvenwanze (oder
Lindenwanze / Oxycarenus lavaterae) vermehrt in Mitteleuropa vor - bevorzugt auf Linden, wo sie kurz vor und nach der Wintersaison oft massenhaft zu beobachten ist. Ist der Grund in der Klimaerwärmung
zu suchen?

Text: Marianne Schreck
Experte: Gernot Hoch

Gespoilert wird hier gleich vorweg: Es ist nicht bekannt, dass sie schädlich ist - weder für Menschen,
Tiere oder Pflanzen. Man erschreckt sich vor der Malven- oder Lindenwanze womöglich aufgrund ihrer Überpräsenz auf Linden - besonders Winterlinden. An den Lindenstämmen verbringen die Wanzen oft in
großen Ansammlungen den Winter. Ihre elegant rotbräunlich, silber schillernde Erscheinung ist im Einzelnen nicht unhübsch anzuschauen. Nicht selten gehen auf den bis zu einem Meter langen Wanzen-Plaques auch die mit ihr verwandten, in Österreich heimischen und häufig vorkommenden Feuerwanzen spazieren, die sonst gerne auf Hausmauern oder sonstigen exponierten Stellen weilen: Männchen und Weibchen zwecks Reproduktion aneinander gehaftet – in die jeweils entgegengesetzte Richtung blickend. Im Vergleich zur Malvenwanze fällt ihre Zeichnung ungleich schriller aus. Sie erinnert ein wenig an ein schematisches Gesicht mit großen Augen, vermutlich dazu da, allzu hungrige Vögel oder Säugetiere abzuschrecken. Andere Wanzen stoßen Duft- oder Giftstoffe aus, um zu kommunzieren oder zu töten. Die bis zu fünf Millimeter lange Malvenwanze veströmt jedenfalls einen typischen intensiven Wanzengeruch.

Strategien der Ausbreitung

Ursprünglich aus dem westmediterranen Bereich wie Nordwestafrika, Südfrankreich, Portugal und
Spanien kommend, wurde die Malven- oder Lindenwanze erstmals 1985 in der Slowakei und 2001 in Österreich entdeckt. Sie ist aber auch im östlichen Mittelmeergebiet bis zum tropischen Afrika anzutreffen. Ihre Verbreitung Richtung Norden findet statt - weiter als Norddeutschland dürfte sie allerdings noch nicht gekommen sein. In ihren neuen Gebieten wählte sie sich die zu den Malvengewächsen gehörenden Linden als Futterpflanze. Höhere Wintertemperaturen der letzten Jahre ermöglichen der Wanze ein Überleben am nördlichen Rand ihres Verbreitungsgebietes. Dass die Ankunft der Malvenwanze alleine ein Effekt des Klimawandels ist, stößt unter Experten auf geteilte Meinungen. Ein Leben außerhalb von einzelnen Baumschulen in den Niederlanden oder Deutschland war etwa für eingeführte Kolonien nicht möglich, weshalb man auch davon ausgeht, dass es viel mehr der Handel mit Pflanzenmaterial ist, der ihre rasche Ausbreitung begünstigt. Ein weiterer Faktor sind ausreichend verfügbare Nahrungssquellen. Fehlt die Linde oder Malve, kann die Wanze, dort wo sie gelandet ist, kaum überleben.

Kleine „Zombies“, flugfähig oder Sie kommen wieder

Gernot Hoch, Leiter des Instituts für Waldschutz, staunt, wie zahlreich die Malvenwanze derzeit in Wien in Erscheinung tritt - Massen von Wanzen an den Stämmen von Linden sind im Stadtgebiet vielerorts zu beobachten: „Durch die sehr tiefen Temperaturen im Winter 2017/18, vor allem im Februar 2018, müsste die Population in Ostösterreich deutlich gelitten haben. Minus 15 Grad und das über mehrere Tage hinweg, reduziert eine Population in der Regel fast vollständig. Bei minus zehn Grad kommt es noch zu keiner wesentlichen Mortalität. Es dürften genügend Tiere den eisigen Februar 2018 überstanden haben. Und die soeben vergangene Wintersaison bot dann wieder die optimalen Temperaturen für diese wärmeliebende Art.“ Auch wenn nur ganz wenige überleben – sie kommen wieder: Weibchen können in ihrer Lebenszeit von drei bis acht Monaten durchschnittlich 260 bis 300, manche bis zu 500 Eier legen, wie eine Studie aus Bulgarien belegt.

Die Malvenwanze hat momentan Saison in Wien


Die Feuerwanze ist mit der Malvenwanze verwandt

Literatur

Beat Wermelinger (et al): Massenauftreten und erster Nachweis von Oxycarenus lavaterae (F.)
(Heteroptera, Lygaeidae) auf der Schweizer Alpennordseite



Wolfgang Rabitsch, Karl Adlbauer: Erstnachweis und bekannte Verbreitung von Oxycarenus lavaterae in Österreich






Auch im Park des Belvedere (Wien 4) anzutreffen
Foto: Gernot Hoch


Oxycaraenus Lavaterae
gesichtet in Brigittenau (1200 Wien), Foto: Gernot Hoch


Füllen auch Risse in der Borke aus (Schönbrunn, Wien 13) 
Foto: Gernot Hoch


Diskret und in die entgegengesetzte Richtung:
die Reproduktion der Wanze, ähnlich der Feuerwanze
Foto: Gailhampshire /
CC NY-SA 2.0



Bundesforschungs- und Ausbildungszentrum für Wald, Naturgefahren und Landschaft (BFW)
Austria, 1131 Wien, Seckendorff-Gudent-Weg 8 | Tel.: +43 1 878 38-0

Autor: Hoch G., Schreck M.

Quelle/URL: https://bfw.ac.at/rz/bfwcms.web?dok=10534